Mein erstes Mal …

26 09 2013

Letztes Wochenende war es soweit – ich war bei meinem ersten Barcamp. Vorher hatte ich keine Ahnung, was das denn bitte sein soll: eine „Un-Konferenz“?

Ah ja …

Deutlich ausssagekräftiger sind da schon diese beiden Videos: einmal hier, knapp 90 Sekunden, oder mit knapp 10 Minuten dieses hier.

Eigentlich hatte ich mich schon für das Barcamp  in Stuttgart letztes Jahr angemeldet, aber dann doch wieder abgesagt. Nervös war ich dieses Jahr auch – die üblichen Gedanken, die mir so durch den Kopf gingen: Was ist, wenn mich da alle doof finden? Bin ich dafür nicht schon zu alt? Hab ich überhaupt was beizutragen? Ist so ein Barcamp was für Introvertierte? Da gehen doch nur Nerds hin – was soll ich als Textilkünstlerin da? Bestimmt redet den ganzen Tag kein Mensch mit mir ein Wort … und so weiter, und so weiter …

Gegen diese inneren Zweifel half gewaltig, dass ein paar Tage vorher ein Instagram-Kontakt sich freute – dann sehen wir uns Sonntag? Außerdem schwärmte ein guter Offline-Freund, wie toll das TYPO3-Barcamp gewesen sei (ich hab zwar immer noch keine Ahnung, was TYPO3 ist – aber die hörbare Begeisterung überzeugte mich!). Also – Wecker gestellt, sorgfältig die Garderobe abgewägt (oh ja, auch da wollte ich bloß nichts falsch machen!), Rucksack gepackt und los!

Mit ordentlich Respekt und Herzklopfen näherte ich mich dem Literaturhaus Stuttgart, der „Location“ für die nächsten zwei Tage. Schwerstens beeindruckt war ich dann von diesem Schild:

Barcamp Stuttgart

aber ich traute mich trotzdem rein 😉 Ratzfatz hatte ich mein Namensschild, und schon sah ich ein bekanntes Gesicht. Wir plauderten eine Runde … und für’s Erste fiel ein bißchen Nervosität von mir ab.

Dann war’s Zeit für die Eröffnungssession. Ich landete zwischen lauter Fremden (von denen ich natürlich den Eindruck hatte, die kennen sich alle !!). Der Organisator Jan Theofel erklärte den Ablauf, bedankte sich bei den Sponsoren – und schon gings an die Vorstellungsrunde.

Ups – mein Hasenherz verzog sich schleunigst wieder ins 7. Untergeschoß. Selbstvorstellung aller Teilnehmer – mit Kamera, mit Mikro. Schluck. Schon bei der Anmeldung mußte ich drei sogenannte Tag’s über mich angeben – also drei Schlagworte. Zwei davon erschienen mir jetzt irgendwie völlig daneben – also wodurch ersetzen? Die „Textilkünstlerin“ durfte stehen bleiben. Dann … „Bloggerin“! Ja, das war gut. Mittlerweile lief die Vorstellungsrunde, und dadurch kam mir noch ne Idee: „Bücher“. Gut, ich hatte drei gute, angemessene, interessante Tags für mich.  Mit wachsender Panik beobachtete ich, wie Iphone-Kamera und Mikro näherkamen – bis ich dann „dran“ war. Es kam, wie es kommen mußte … ein Blackout (zumindest teilweise). Die Textilkünstlerin hatte ich griffbereit … Bücher … aber wo war Nr. 3 ?? Weg – spurlos verschwunden. Aus dem Nichts tauchte das Wort „Fotografie“ auf – nichts wie raus damit, und dann das Mikro in die nächste Hand gedrückt. Aber: ich war bei weitem nicht die Einzige, der das so ging. Bis hin zum Total-Blackout war alles dabei. Und? machte das was? Nö. Und so aufgeregt ich selber bei meiner Vorstellung war – es war total spannend, die Tags der anderen Teilnehmer zu hören, und später ergaben sich einige höchst interessante Gespräche genau daraus.

Dann kam die Sessionplanung. Für mich vorher das größte Fragezeichen – wie soll das denn gehen? Es gab 10 Räume und 6 Zeitfenster. Macht mal eben 60 Sessions ? Haben die Leute so viel zu sagen ???

Kaum eröffnete Jan die Sessionplanung, sausten auch schon viele los. Das jeweilige Thema wurde kurz vorgestellt, wen’s interessierte, der hob kurz die Hand. Zettel an die Pinnwand – Eintrag in den online verfügbaren Terminplan –  und nächstes Thema, bitte. Alle 60 Sessions füllten sich – ja, es gab soviel zu sagen (und es reichte auch noch für 50 Sessions am Sonntag!). Die Themenvielfalt reichte von Hardcore-IT-Themen über Einführungen in Twitter / Google+ / Podcasting über gesellschaftliche / politische Themen bis hin zu Themen, die ich sicher nicht erwartet hätte.

Und schon hatte ich ein neues Problem – welche Session sollte ich bloß nehmen? Frau kann sich ja schlecht teilen … Ich traf die Entscheidung von Stunde zu Stunde – spontan. Damit bin ich ganz gut gefahren. Tatsächlich hab ich auch jeden Tag mindestens eine Session ausfallen lassen, und einfach nur gequatscht ;-))

Die Sessions selber liefen so unterschiedlich ab, wie die Initiatoren und Teilnehmer sind. Vom klassischen Vortrag (mit Präsentation über’n Beamer …) bis hin zur sehr offenen Frage war alles dabei. Auffällig fand ich die Frage- und Diskussionskultur; und zwar im positiven Sinn. Jede Frage wurde beantwortet. Die ach so beliebten Selbstdarsteller waren zumindest in „meinen“ Sessions nicht vorhanden,  was sehr angenehm war. Das Gesprächsklima war geprägt von Offenheit und Ehrlichkeit. Ich hatte am Samstag  kein Problem, mich an den Diskussionen zu beteiligen – und hey, niemand rollte mit den Augen oder so ! (Sonntag hab ich die Klappe gehalten – was am Halsweh lag …) . Samstag gab’s übrigens auch „Night-Sessions“, ich bin allerdings vorher entschwunden (für meinen allerersten Barcamp-Tag hatte ich mehr als genug Input …). Wobei es mir um das Whisky-Tasting schon ein kleines bißchen leid tat … das war bestimmt klasse …

Und wie  lautet nun mein Fazit? Nach diesem meinem ersten Barcamp?

1. Das mach ich wieder – selten so schnell und effektiv gelernt, selten an so spannenden Diskussionen teilgenommen. Und das unter lauter Menschen, die sich für ähnliche Themen interessieren, kurz: richtig gute Erfahrung.

2. Lauter nette, offene Leute, eine überaus angenehme Atmosphäre. Meine Angst, „die finden mich alle doof“ war ganz klar unbegründet. Übrigens gehört auch die Frage „bin ich dafür nicht schon zu alt?“ in die Ecke „Quatsch!“ Meine Altersklasse (Mitte 40) war gut vertreten, aber es gab auch jede Menge deutlich jüngere und deutlich ältere Menschen. Nicht zu vergessen – Kinder. Toll !

3. Und ja, ich hatte was beizutragen. Teilweise nur Fragen – teilweise auch „substantielles“. Nachdem ich nun weiß, wie so ein Barcamp abläuft, kann ich mir auch gut vorstellen, selber eine Session anzubieten; zwei Themen würden mir spontan einfallen ;-))

4. Ist das was für Introvertierte? Ja – wenn ich auf mich und meinen Energiehaushalt aufpasse. Gerade die sehr offene Barcamp-Struktur macht das aber relativ einfach. Und wieder: niemand findet es komisch, wenn man sich zwischendurch mal abseilt und einfach nur alleine sein will / sein muß. Es ist ungeheuer intensiv, es sind jede Menge Menschen – deswegen bin ich auch Samstag abend nach Hause gefahren, für den ersten Tag reichte es einfach ;-))

5. Klar gehen zu einem Barcamp jede Menge Nerds (oder was halt eine Textilkünstlerin dafür hält …). Aber: kaum jemand interessiert sich wirklich nur für ein einziges Thema, und bei 200 Teilnehmern mit je 3 Stichworten kommen von ganz alleine die unterschiedlichsten Fragestellungen auf – die Themenvielfalt war wirklich beeindruckend. Ich hab was über die VGWort gelernt, über’s Podcasten, wir haben über PRISM/NSA diskutiert, es gab außer dem Whisky-Tasting auch eine Süßigkeiten-Verkostung … und so weiter.

6. Der Gedanke, den ganzen Tag mit niemandem zu reden, war nach ca. 30 Sekunden ad absurdum geführt. Ich habe mit jeder Menge Menschen geredet, nette neue Kontakte geschlossen – und mich keine Sekunde gelangweilt.

Jetzt muß ich nur noch klären, welches Barcamp ich als nächstes besuche ?

Ich verlinke diesen Post mit der Blogparade „Mein erstes Barcamp“ – da tauchte noch die Frage auf, ob ich den Besuch eines Barcamps empfehle, und wenn ja – wem? Dass ich den Besuch eines Barcamps empfehlen kann … is‘ klar, oder? Und ich denke, dieses Format ist für jeden einigermaßen neugierigen und offenen Menschen geeignet.

Ob sich für mich was geändert hat durch diese Erstlingstat – das kann ich noch nicht beurteilen. Ich schließe es aber nicht aus – frag mich in nem halben Jahr nochmal, ok?